Die International Fire Academy empfiehlt bei Brandeinsätzen in Tunneln vom Einsatzbeginn an von beiden Tunnelseiten her anzugreifen. Kursteilnehmer fragen immer wieder, ob dieser personalintensive Zweiseitenangriff tatsächlich notwendig ist. Deshalb erläutern wir in diesem Magazinbeitrag, welche Argumente für diese Vorgehensweise sprechen.
Zweiseitenangriff: mindestens 14 AdF pro Portalseite
Zweiseitenangriff meint, bei Brandereignissen von Einsatzbeginn an auf beiden Portalseiten ausreichend Feuerwehrkräfte aufzubieten, um mindestens einen Zweiertrupp für die Erkundung und zwei Fünfertrupps zum Löschen oder zum Suchen & Retten einsetzen zu können. Einschliesslich zweier Führungskräfte ergibt sich daraus ein Kräftebedarf von mindestens 14 Feuerwehrangehörigen (AdF) je Portalseite zuzüglich der je nach Fahrzeugkonfiguration erforderlichen Maschinisten.

Zwei Seiten mit unterschiedlichen Aufgaben
Das wichtigste Argument für den Zweiseitenangriff ist, dass sich bei einem Brand in einem Tunnel eine An- und eine Abströmseite mit unterschiedlichen Aufgabenstellungen und Arbeitsbedingungen ausbilden. Auf der Anströmseite herrschen meist gute Bedingungen für den Löschangriff. Auf der Abströmseite muss hingegen im verrauchten Bereich nach Personen gesucht werden. Um sowohl das Löschen auf der Anströmseite als auch das Suchen & Retten auf der Abströmseite zeitgleich durchführen zu können, braucht es also Einsatzkräfte auf beiden Seiten der Brandstelle und damit auf beiden Portalseiten.

Gleiche Qualifikationen auf beiden Seiten
Jede Portalseite kann je nach Ereignis, aktueller Brandfalllüftungssteuerung und/oder Witterung auf der Anströmseite oder auf der Abströmseite liegen. Bei Bahntunneln ohne stationäre Lüftung kann die Luftströmung infolge der natürlichen Luftdruckunterschiede während des Einsatzverlaufs sogar umkehren. Deshalb gilt: Alle für den Einsatz vorgesehenen Einsatzkräfte müssen sowohl für das Löschen als auch für das Suchen & Retten ausgebildet sein und ausgestattet werden können. Nur dann können die taktischen Möglichkeiten des Zweiseitenangriffs situativ optimal genutzt werden.

Es löscht, wer am schnellsten ist
Gemäss dem taktischen Grundsatz «Löschen um zu retten» sollte der Brand so schnell wie möglich gelöscht werden, um die Rauchbildung zu stoppen und damit die Bedingungen für die Selbst- und Fremdrettung sowie alle weiteren Einsatzmassnahmen zu verbessern. Von welcher Portalseite aus dieses Ziel am besten erreicht werden kann, hängt von vielen Faktoren ab und ist deshalb nur situativ zu entscheiden.

Deshalb ist es von Vorteil, wenn von Beginn an ausreichend viele Einsatzkräfte auf beiden Portalseiten zur Verfügung stehen. Denn dann kann diejenige Einheit zur Brandbekämpfung eingesetzt werden, die den Brand unter den gegebenen Bedingungen wahrscheinlich am schnellsten löschen wird. Je nach Tunnelanlage kann diese Einheit in der betroffenen Röhre bis zur Brandstelle vorrücken oder den Löschangriff beispielsweise über die nicht betroffene Parallelröhre oder einen Sicherheitsstollen vortragen.
Zweiseitenangriff bietet viele Optionen
Durch den Zweiseitenangriff werden viele taktische Optionen eröffnet. Beispielsweise für den Fall, dass der Zugang zur Brandstelle von der einen Seite her blockiert ist und ein schneller Löscherfolg nur durch einen Angriff über z. B. einen Sicherheitsstollen oder die zweite Röhre zu erzielen ist.

In unseren Fachbüchern «Brandeinsätze in Strassentunneln» und «Brandeinsätze in Bahntunneln» finden sich dazu viele Beispiele, die auch als Szenarien für das Training am Standort genutzt werden können

Präzise Kommunikation unbedingt trainieren
Die situative Koordination der Einheiten auf den beiden Portalseiten verlangt eine präzise Kommunikation. Deshalb bildet die Abstimmung zwischen den Führungskräften auf beiden Portalseiten einen Schwerpunkt der taktischen Ausbildung an der International Fire Academy und sollte auch am Standort intensiv trainiert werden.

Zweiseitenangriff in der Praxis bewährt
Im Magazinbeitrag über einen Brandeinsatz im Bürgerwaldtunnel bei Waldhut-Tiengen ist ausführlich beschrieben, wie die unterschiedlichen Bedingungen auf der Anströmseite und der Abströmseite taktisch genutzt werden können und weshalb auf beiden Portalseiten angegriffen werden soll.
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